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Wohnen: Die Baugenossenschaft Hagenbrünneli hatte über viele Jahre hinweg kommuniziert, dass bei der Erneuerung der Siedlung Hirschwiese ein vollständiger Ersatzneubau angestrebt wird. Warum hielt man diesen für die beste Lösung?

Marcus Fauster: Wir waren lange überzeugt, dass sich gute Grundrisse, zeitgemässer Lärmschutz, energetische Ziele und Verdichtung in der Siedlung Hirschwiese nur mit einem Neubau realisieren lassen. Gerade entlang der Hirschwiesen- und der Schaffhauser-strasse wären die baulichen und lärmschutztechnischen Vorgaben im Bestand kaum erfüllbar gewesen. Allerdings war die Siedlung vor zehn Jahren noch im Inventar der schützenswerten Bauten aufgeführt, und sogar eine Unterschutzstellung stand im Raum. Als die Denkmalpflege einwilligte, sie zugunsten einer Verdichtung aus dem Inventar zu entlassen, war die Erleichterung gross; damit war der Weg für einen Neubau grundsätzlich frei. Das Weiterbauen im Bestand stand damals noch kaum zur Diskussion.

Im Wettbewerbsprogramm 2022 waren Ersatzbauten vorgesehen, sie wurden aber nicht zwingend vorgeschrieben. Warum formulierte man die Aufgabenstellung so offen?

Fauster: Die Idee kam von der Jury, die uns beim Aufgleisen des Wettbewerbs beriet. Das Thema Nachhaltigkeit hatte an Bedeutung gewonnen, und wir hofften nicht zuletzt, mit dieser Formulierung auch ein jüngeres Architekt:innenfeld ­anzusprechen. Wenn ich ehrlich bin, glaubten wir im Vorfeld aber nicht wirklich daran, dass alternative Projekte im Wettbewerb eine Chance haben würden. Innerhalb der Genossenschaft gingen wohl die meisten davon aus, dass es am Ende doch auf einen Neubau hinausläuft.

Marcus Fauster ist seit 2004 im Vorstand der Baugenossenschaft Hagenbrünneli und seit 2016 Präsident. Er arbeitet seit 2002 als Bauingenieur bei der Synaxis AG Zürich, heute als Teil der erweiterten Geschäftsleitung.
Tatsächlich schlugen mehrere Teams vor, Bestandsbauten zu erhalten, darunter auch die Arbeitsgemeinschaft Pasta Mista, die den Wettbewerb gewann. Was motivierte Sie zur Teilnahme?

Dimitri Häfliger: Dass der Wettbewerb explizit einen Ersatzneubau im Programm hatte, diesen aber nicht explizit vorschrieb, reizte uns. Wie kann man ein Quartier verdichten und gleichzeitig den Bestand erhalten? Eine Antwort auf diese Fragen zu finden, hat uns als Team sehr interessiert. Die vorgelagerte Ideenstufe des anonymen Projektwettbewerbs gab uns die Möglichkeit, neue Formen der Zusammenarbeit auszuprobieren und Unkonventionelles zu wagen.

Dimitri Haefliger ist Mitgründer des Architekturbüros Studio Schloo. Als Teil des Kollektivs «Pasta Mista» gewann er 2023 den Wettbewerb zur Erneuerung der Siedlung Hirschwiese. In seiner Praxis beschäftigt er sich mit nachhaltigen Ansätzen im Bauen und in der Stadtentwicklung.
Einige Mitglieder Ihrer achtköpfigen Arbeitsgemeinschaft kannten sich vor dem Wettbewerb nur flüchtig. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Zusammenschluss?

Häfliger: Über ein paar Ecken kannten wir uns schon; die meisten hatten an der ETH zusammen studiert oder bereits zusammengearbeitet. Wir hatten alle Lust, gemeinsam ein grösseres Projekt anzugehen. So trafen wir uns über etwa dreissig Wochen jeweils am Freitag und kochten mittags zusammen Pasta. Zu Beginn arbeiteten wir bewusst aus der Fülle heraus: Weil alle ein paar Projektvorschläge einbrachten, hatten wir schnell ein Sammelsurium mit vielen Vorschlägen, die wir einander gegenüberstellten und zum Teil weiterentwickelten. Danach arbeiteten wir in kleineren Gruppen abwechslungsweise an sehr unterschiedlichen Ideen und Projektteilen.

Das Siegerprojekt setzt auf einen Mix aus Bestandserhalt, Transformation des Bestandes und Neubau. Was gefiel der Jury besonders?

Fauster: Das Projekt geht wirklich gut auf den Bestandserhalt ein. Es erhält und ergänzt grosse Teile der bestehenden Siedlung und setzt Neubauten nur dort, wo der Bestand wegen Lärm- oder städtebaulicher Bedingungen nicht erhalten werden kann. Mir persönlich gefällt die städtebauliche Einbettung der Gebäude. Die Architekt:innen entwickeln die Siedlung so offen und locker weiter, wie sie jetzt schon ist. Details wie die Vogelhäuser, die über den neuen Liftkernen gebaut werden sollen, finde ich ebenfalls sehr spannend.


Wie kam es bei der Genossenschaft zu diesem Umdenken?

Fauster: Uns ist klar geworden, dass man bereits für die ursprüngliche Siedlung eine sehr schöne Form gefunden hat – man kann sie heute eigentlich nicht besser gestalten. Der Wettbewerb hat uns davon überzeugt, dass man die Qualität der älteren Gebäude mit guten Ideen noch steigern kann. Mit den Ersatzneubauten zur Strasse hin können wir die Siedlung nicht nur verdichten, sondern auch die Lärmproblematik in den Griff bekommen. Viele frühere Bewohner:innen konnten nicht verstehen, warum ihre Häuser abgebrochen werden sollten. Dass wir die Geschichte der Siedlung nun also doch weiterschreiben, freut mich auch persönlich.


Pasta Mista hat vorgeschlagen, über fünfzig Prozent der Bausubstanz zu erhalten. Warum haben Sie so entschieden?

Häfliger: Die Einsparung an grauer Energie und Treibhausgasemissionen ist beträchtlich. Aber es geht es uns auch um soziale Nachhaltigkeit. Die Mieten in Zürich steigen stetig – die Wohnungen in Neubauten sind teuer. Durch den Bestandserhalt wollen wir weiterhin bezahlbaren Wohnraum für Leute anbieten, die vielleicht hätten wegziehen müssen, selbst wenn die Baukosten noch offen sind. Die kompakten Grundrisse der alten Wohnungen kommen uns da entgegen, die Eingriffe sollen moderat bleiben. Grundsätzlich stellt sich uns auch die Frage, wie wir künftig Städte bauen wollen: mit lauter Ersatzneubauten oder gewachsenen, sich fortlaufend ändernden Strukturen, in denen sich Altes und Neues gegenüberstehen? Dass in der Siedlung Hirschwiese viele Häuser vorerst erhalten bleiben und vielleicht in dreissig oder vierzig Jahren abgerissen werden, stärkt Identifikation und soziale Durchmischung. So werden Menschen mit ganz unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten und Bedürfnissen am selben Ort zusammenleben.

Prüften Sie als Variante auch einen kompletten Neubau?

Häfliger: Ja, aber wir kamen schnell zum Schluss, dass er nicht zwingend bessere Resultate bringt. Trotzdem sind wir keine Gruppe, die auf Biegen und Brechen einen Bestandserhalt erzwingen möchte; es geht uns immer um die Situation. Wichtig ist, den Bestand ernsthaft zu prüfen und ihm eine Chance zu geben. Was kann er noch leisten, bevor er weichen muss? Auf etwas Bestehendes zu reagieren und damit zu arbeiten, ist mindestens so spannend, wie etwas komplett Neues zu bauen.

Inwiefern mussten auch die Archi-tekt:innen in den letzten Jahren in Bezug auf den Bestandserhalt umdenken?

Häfliger: Der ökologische Ansatz und Konzepte wie Re-Use, die auch Erstellung und Entsorgung mitberücksichtigen, sind noch ganz neu. Sie wurden zu meiner Studienzeit noch kaum an den Hochschulen gelehrt, haben inzwischen aber schon einen grossen Einfluss auf die ganze Bauwirtschaft. Der Wandel hat sich sehr schnell vollzogen und sorgt besonders bei jungen Architekt:innen dafür, dass sie den Bestandserhalt aktiv in die Planung einfliessen lassen. Wir sehen das als Bereicherung für den Architekturdiskurs.

Wie sollen die Bestandsbauten in der Siedlung Hirschwiese konkret transformiert werden?

Häfliger: Geplant ist auf allen Bestandsbauten eine Aufstockung. Wir heben gewissermassen das Dach an und erstellen Holzwände, ohne eine neue Decke einziehen zu müssen. So bleibt das Gewicht gering. Dank eines neuen Vorbaus erhalten einige Wohnungen eine Küchenerweiterung respektive ein Vierjahreszeitenzimmer und mit dem Lift eine hindernisfreie Erschliessung. Ausserdem werden die Häuser energetisch saniert.
Fauster: Wir haben aber auch Häuser, die keine Küchenerweiterung bekommen, weil man keinen Lift anbauen kann. Das trägt zu einem vielfältigen Portfolio bei. Dass wir künftig so viele verschiedene Wohnungstypen und Wohnstandards anbieten können, ist ein grosser Pluspunkt. Weil wir eine knappe Verdoppelung der Wohnungen anstreben, wird die Bewohnerzahl massiv steigen. Aufgrund der leichten Überalterung auf dem Areal war die Belegung bisher zu tief. Durch die Transformation werden wieder mehr Leute in diesen Wohnungen wohnen.

Inwiefern erschwert der Bestandserhalt das ganze Projekt?

Häfliger: So ein grosses innerstädtisches Projekt ist per se eine Herausforderung; die Baustelleninstallation ist unter so dichten Bedingungen komplex. Dass hier zusätzlich mit dem Bestand gearbeitet wird, macht vieles anspruchsvoller, aber auch spannender. Der Umgang mit dem Bestand bedeutet, vor Ort und mit den konkreten Gegebenheiten zu agieren.Dazu gehört, dass wir nicht nur den Grossteil der Häuser, sondern auch die meisten Bäume erhalten wollen. In Gartenstadtsiedlungen ist der unmittelbare Bezug der Gebäude zum Aussenraum zentral und die gewachsene Vegetation ein unschätzbarer Wert.
Fauster: Der Bestand hat seine Tücken. Wie gut er tatsächlich erhalten ist und sich transformieren lässt, wird sich erst zeigen – auch, ob wir bei den Wohnungen die angestrebte Qualität erreichen. Vergleichsprojekte gibt es kaum; wir betreten in gewisser Weise Neuland. Ökologisch ist die Lösung überzeugend. In wirtschaftlicher Hinsicht bleiben jedoch Fragen offen.

Welche?

Fauster: Bei einem Ersatzneubau weiss man relativ genau, welche Qualität man für welchen Preis erhält. Beim Projekt Hirschwiese stellt sich aber die Frage, ob Kosten und Qualität tatsächlich in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Noch ist unklar, ob die Gesamtkosten unter jenen eines Ersatzneubaus liegen werden. Diese Kosten zu begründen, ist nicht einfach. Schliesslich geht es nicht nur um den monetären Wert der Wohnungen, sondern auch um den ökologischen und den emotionalen. Um die Wohnungen weiterhin bezahlbar zu halten, werden wir den Bestand vermutlich nur dort ertüchtigen, wo es zwingend notwendig ist, etwa bei der Wärmedämmung. Beim Schallschutz könnten dagegen Abstriche nötig sein.

Gibt es weitere planerische und bauliche Herausforderungen?

Fauster: Etwas vom Schwierigsten ist, zu klären, was überhaupt gebaut werden darf. Es gibt unzählige Auflagen und Richtli­nien, es geht um die Erhaltungsziele des Isos, um Abstände und Höhen. Am meisten beschäftigt uns aber die Lärmproblematik. Erst seit Ende Februar ist klar, dass die angepasste Lärmschutzverordnung in Kraft tritt. Im Wettbewerb mussten noch die damals geltenden Normen eingehalten werden, zum Beispiel durften zur Strassenseite keine Zimmer angeordnet werden. In der Weiterbearbeitung zeigte sich jedoch, dass sich so keine guten Grundrisse realisieren liessen. Deshalb entschieden wir uns, das Risiko einzugehen und so weiter zu planen, als wären die neuen Vorschriften bereits in Kraft. Das Projekt ist dadurch effizienter geworden.

Welche Qualitäten der bestehenden Siedlung bleiben erhalten, was wird sich verändern?

Häfliger: Künftig werden mehr als doppelt so viele Menschen hier wohnen wie heute. Dadurch steht pro Person etwas weniger Aussenraum zur Verfügung. Umso wichtiger ist es, den Aussenraum sorgfältig und divers zu gestalten und Nutzungsorte zu schaffen. Wir möchten gewisse Bereiche punktuell beleben und andere in ihrer heutigen Atmosphäre bewahren. Sicher wird es mehr gemeinschaftliche Flächen geben als heute.

Ersatzneubauten gelten als effizientester und wirtschaftlichster Weg zur Verdichtung. Ihr Projekt zeigt, dass Verdichtung auch im Bestand möglich ist. Was müsste sich ändern, damit dieser Ansatz häufiger verfolgt wird?

Häfliger: Letztlich ist das auch eine politische Frage. Ein Problem ist, dass der Wert der bestehenden Bausubstanz gesellschaftlich noch stark unterschätzt wird. Der Abbruch ist vergleichsweise günstig, und der ökologische Fussabdruck eines Neubaus hat kaum direkte Konsequenzen. Unter diesen Bedingungen ist es schwierig, grosse Investitionen in den Bestand zu rechtfertigen. Würden Entsorgungskosten und graue Energie stärker gewichtet, würden Bauträgerschaften dem Bestand wohl bessere Chancen einräumen. Wenn es uns gelingt, dieses Projekt erfolgreich umzusetzen und durch einen klugen Umgang mit dem Bestand preisgünstigen Wohnraum zu sichern, dürfte die Hirschwiese Modellcharakter für andere Erneuerungsprojekte haben.

Projekt Hirschwiese

Die Baugenossenschaft Hagenbrünneli (bgh) plant die Erneuerung der Siedlung Hirschwiese in Zürich-Oerlikon. Die Wohnsiedlung stammt aus den 1950er-Jahren und hat 151 Wohnungen. In das Projekt wird auch das private Grundstück einer Familie integriert, das sich mitten auf dem Areal befindet. Ursprünglich war für die Siedlung ein vollständiger Ersatzneubau angedacht. Die Arbeitsgemeinschaft Pasta Mista hat den Wettbewerb aber mit einem Konzept gewonnen, das eine Kombination aus Bestandserhalt und Neubauten in Holz-Beton-Hybridbauweise vorsieht. Ihr Entwurf setzt Neubauten gezielt an den Strassen, wo der Bestand wegen Lärm- oder städtebaulicher Bedingungen nicht erhalten werden kann, und ergänzt mehrere ältere Gebäude mit Anbauten und einfachen Aufstockungen. Neue Punktbauten setzen städtebauliche Akzente und stärken die Quartieridentität. Auch die Hofstrukturen und viele Bäume werden erhalten. Ressourcenschonende Massnahmen wie die Minimierung des Aushubs senken die graue Energie, PV-Anlagen auf den Dächern gewährleisten eine positive Energiebilanz. In der autoarmen Wohnsiedlung entstehen etwa 300 Wohnungen, ein Doppelkindergarten der Stadt Zürich, die Geschäftsstelle der BGH sowie Gewerbeflächen.

 

Das Interview für die April-Ausgabe von WOHNENextra führte Patrizia Legnini. Bilder: Lea Reutimann, Pasta Mista