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Die Architekt:innen hinter dem Siegerprojekt «Pasta Mista». Fotocredits: Saskja Rosset

Was unterscheidet euren Ansatz von anderen Entwürfen und was zeichnet das Siegerprojekt «Pasta Mista» aus?

Von Beginn an war es uns wichtig, nicht alles abzureissen und neu zu bauen, sondern einen anderen Weg zu finden. Unser Projekt schafft bewusst Gegensätze: neue Wohnformen auf der einen Seite und behutsame Erhaltung bestehender Strukturen auf der anderen – Neubau und Sanierung. Während wir im Neubau innovative Wohnformen realisieren, sanieren wir die bestehenden Gebäude energetisch und stocken sie teilweise auf, um eine höhere Dichte zu erreichen. Unsere Grundhaltung ist es, den Bestand zu respektieren und gleichzeitig weiterzudenken.

Unser Projekt «Pasta Mista» steht für eine bunte Mischung aus Ideen, geprägt durch unsere kollektive Arbeitsweise. Acht Architektinnen und Architekten bringen vielfältige Perspektiven ein – sichtbar vom städtebaulichen Konzept bis ins architektonische Detail. Diese Vielfalt zeigt sich im Zusammenspiel von Alt und Neu, Bewahren und Erneuern, so dass ein Quartier entstehen kann, das vielfältige Lebensformen vereint und den Charakter der Siedlung Hirschwiese bewahrt.

Was macht den Siegerentwurf zukunftsfähig?

Indem wir den Bestand nicht vollständig abreissen, sondern behutsam weiterentwickeln, schaffen wir die Möglichkeit, den Entwurf auch zukünftig an neue Bedürfnisse anzupassen. Sollte in 80 oder 100 Jahren eine höhere Verdichtung erforderlich sein, liesse sich der Bestand gezielt ergänzen. Diese Offenheit für Wandel ist für uns der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit unseres Entwurfs.

«Durch die Vielfalt an Grössen und Ausbaustandards sollten auch bezahlbare Wohnungen erhalten bleiben.»

Corinne Räz, Architektin

Welche Massnahmen zur Energieeffizienz sind geplant?

Unser grösster Beitrag ist der Erhalt bestehender Gebäude – das spart Ressourcen und CO2. Zusätzlich setzen wir auf Solardächer, natürliche Materialien und eine kompakte Bauweise. Durch den Verzicht auf grossflächige Unterkellerungen bleibt mehr Bodenfläche unversiegelt. Dies fördert die Versickerung von Regenwasser vor Ort, unterstützt ein kühleres Mikroklima im Sommer und erhält Grünflächen und dadurch wertvolle Lebensräume für Menschen, Tiere und Natur.

Wie reagiert der Entwurf auf zunehmende Sommerhitze?

Alte Bäume sind unschätzbar wertvoll – sie spenden Schatten, kühlen die Luft und fördern die Biodiversität. Deshalb setzen wir alles daran, sie zu erhalten. Gleichzeitig helfen clevere Grundrisse mit Querlüftung, die Innenräume natürlich zu klimatisieren.

«Dieses gemeinsame Grossprojekt ist eine Premiere – eine Herausforderung, die uns motiviert, mit gebündeltem Wissen und frischem Teamgeist innovative Wege zu gehen.»

Dimitri Häfliger, Architekt

Wie begegnet der Entwurf der Lärmbelastung?

Wir setzen entlang der Hirschwiesen- und Schaffhauserstrasse auf neue Gebäude, die wie ein Schutzring wirken. Diese dichte Randbebauung erfüllt dabei zwei Zwecke: Sie gewährleistet den Schallschutz und ermöglicht gleichzeitig eine hohe Verdichtung. Bestehende Lärmschutzwände bleiben erhalten.

Wie fördert eure Herangehensweise den sozialen Zusammenhalt?

Durch den Erhalt und Umbau des Bestands entstehen unterschiedlich grosse und bezahlbare Wohnungen, was eine soziale Durchmischung fördert. Wir hoffen, dass die Weiterverwendung bestehender Gebäude dazu beiträgt, die Mietpreise moderat zu halten, wodurch eine vielfältige Bewohnerschaft entstehen kann. Ein wesentlicher Bestandteil unseres Entwurfs ist zudem die Förderung gemeinschaftlicher Orte. So schaffen wir eine Abfolge von Höfen, Gemeinschaftsräumen und grünen Rückzugsorten. Entlang der zentralen Wege durch die Siedlung bieten wir Räume für gemeinschaftliche Nutzungen sowie zumietbare Räume, die flexibel für Arbeiten, Projekte oder Veranstaltungen genutzt werden können. Besonders wichtig ist uns der neue Siedlungsplatz am Hirschgartnerweg, der als soziales Zentrum fungieren wird. Gleichzeitig sorgen private Gärten, Dachterrassen und grosszügige Aussenräume für individuelle Rückzugsorte.

Wie sieht euer Mobilitätskonzept aus?

Wir gehen davon aus, dass sich die Mobilitätsbedürfnisse in Zukunft verändern werden. Heute ist die Hirschwiese im Quartiervergleich überdurchschnittlich motorisiert, aber Studien zeigen, dass der Individualverkehr in der Stadt Zürich generell abnimmt. Neue Mobilitätsformen wie Carsharing gewinnen an Bedeutung. Mit 80 Stellplätzen liegen wir unter der heutigen Anzahl, aber nahe am Quartierdurchschnitt und schaffen ein zukunftsweisendes Gleichgewicht

Wie ist der Zeitplan?

Der Baubeginn ist für 2027 geplant, die Umsetzung erfolgt in zwei Etappen von jeweils drei bis vier Jahren. Verzögerungen durch Bewilligungsverfahren sind möglich, aber wir hoffen auf einen zügigen Ablauf.

Wie sieht die Bauphasenplanung aus im Zusammenhang mit der Minimierung der Belastung für die Mieter?

Das Grundkonzept sieht eine Etappierung in zwei Bauphasen vor. Ziel ist es, den Bewohnerinnen und Bewohnern einen Umzug innerhalb des Areals zu ermöglichen. In der ersten Bauphase wird ein definierter Bereich fertiggestellt, sodass die Mieter dorthin umziehen können, bevor die zweite Bauphase beginnt. Diese klare sektorale Trennung stellt sicher, dass die Baustelle nicht das gesamte Areal gleichzeitig beeinträchtigt.

Bleiben die Baukosten wirtschaftlich?

Zur Frage der Baukosten kann zum jetzigen Zeitpunkt noch keine abschliessende Aussage getroffen werden, jedoch sehen wir Vorteile in der Erhaltung des Bestandes – nicht nur bei den Baukosten, sondern auch bei den Betriebskosten.

Welche Herausforderungen erwartet ihr?

Wir betreten mit diesem Projekt gewissermassen Neuland: Ein derart umfassendes Arealprojekt, das den Bestand integriert statt ersetzt, ist noch selten, weshalb Erfahrungswerte begrenzt sind. Das verleiht unserem Vorhaben Pionier-Charakter – eine Herausforderung, aber zugleich eine grosse Chance, neue Lösungsansätze für nachhaltige Stadtentwicklung aufzuzeigen. Auch die Stadt Zürich zeigt Interesse an dem Projekt, da unser Ansatz zwischen Sanierung und Neubau eine neue Perspektive bietet. Dieses Modell könnte wegweisend sein und übertragbare Lösungen für andere Quartiere schaffen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der bgh?

Es motiviert uns besonders, an einem Projekt mitzuwirken, das weit über eine reine Bauaufgabe hinausgeht. Hier entsteht etwas mit echtem Mehrwert für das Quartier. Diese Sinnhaftigkeit treibt uns an und lässt uns mit vollem Engagement arbeiten. Wir haben bereits viel Herzblut investiert – und werden es weiterhin tun, weil wir überzeugt sind, dass wir hier gemeinsam mit der bgh etwas Zukunftsweisendes erschaffen.

 

Interview: Claudia Keller